Nestlé steckt knietief im Skandal um vergiftete Babymilch. Jetzt wenden sich besorgte Eltern an den Konzern.
Lesen Sie hier, mit welcher Dreistigkeit der Konzern sie abbügelt.
„Wir sind Eltern von Zwillingen und nutzen seit Monaten Nestlé Alfamino für unsere Babys, weil sie Lebensmittelunverträglichkeiten haben. Über zwei bis drei Wochen im Dezember haben unsere Zwillinge tagsüber immer wieder gewürgt, sich nachts mehrmals übergeben, unruhig bis gar nicht geschlafen. Anfangs wussten wir nicht warum, bis wir durch Zufall von der Rückrufaktion erfuhren. Die Prüfung der Chargennummer ergab, dass wir von der kontaminierten Charge betroffen waren. Wir haben sofort aufgehört und schon am nächsten Tag gings den Babys besser.“ [1]
Das schrieb uns ein Vater, kurz nachdem der aktuelle Nestlé-Skandal ans Licht kam: Babypulver, vergiftet mit Cereulid. Anfang Januar rief der Konzern die Produkte zurück. [2]
Wochenlang recherchierten wir. Wir fanden heraus: Nestlé wusste lange vor dem Rückruf von der Verunreinigung, informierte die deutsche Öffentlichkeit aber nicht. [3] Jetzt lesen wir in solchen herzzerreißenden Nachrichten, was das für die Betroffenen bedeutet: Wochenlange Sorgen, nicht wissen, was die Kleinen so krank macht. Das geht mir nahe.
Betroffene Eltern teilten auch die Antwort von Nestlé mit uns. Der Konzern entschuldigt sich zwar. Verweist bei vielen aber auch auf die Grippesaison. Und schreibt einer Mutter, die energisch nachhakt: „Die Bestätigung […] erfordert eindeutige klinische Nachweise, auch um häufige Infektionen auszuschließen, die besonders in dieser Jahreszeit verbreitet sind und ähnliche Symptome verursachen.“
Subtext: Kann ja jeder behaupten.
Wie Hohn klingen diese Worte neben dem, was Nestlé-Chef Philipp Navratil letzte Woche verkündete. Per Video trat er an die Öffentlichkeit, entschuldigte sich, betonte aber:
Bislang gebe es keine bestätigten Fälle, in denen Kinder durch die Babymilch erkrankt seien. [4]
Wie auch? Wenn der Konzern Kund:innen mit Standardschreiben abbügelt und auf die Grippesaison verweist? Wenn niemand mehr einen „klinischen Nachweis“ erbringen kann, sobald die Babys gesund sind? Dabei melden sich auch in anderen europäischen Ländern Eltern mit erkrankten Kindern. [5]
Seit Bekanntwerden des Skandals warnten wir Hunderttausende vor den Nestlé-Produkten. Etliche Mails besorgter Eltern erreichten uns. Viele fragen: An wen sollen wir uns wenden?
Die Antwort zeigt das Problem: Es gibt niemanden. Nestlé weist Verantwortung zurück. Die Behörden schweigen. Zwischen Konzernmacht und hilflosen Verbraucher:innen klafft eine riesige Transparenz-Lücke.
Gerade bereiten wir rechtliche Schritte gegen Nestlé vor. Wir recherchieren unabhängig, warnen öffentlich, stehen für Millionen Verbraucher:innen ein – egal ob foodwatch-Mitglied oder nicht. Das können wir nur, weil Tausende uns monatlich unterstützen. Zusammen können wir es mit dem Weltkonzern Nestlé aufnehmen. Deswegen meine Bitte: Schließen Sie sich uns an!
Eine Nachricht macht uns stutzig. Herr H. aus Bayern schreibt uns: Ende Dezember habe ihm eine Drogeriemarkt-Mitarbeiterin gesagt, das Produkt sei nicht mehr erhältlich. Es gebe einen „stillen Rückruf“. In einem solchen Fall weist der Hersteller alle Händler an, die Produkte aus den Regalen zu räumen – ohne öffentlich zu warnen.
Wenn das stimmt, dann bedeutet das: Spätestens am 30. Dezember war allen klar, dass die Produkte in Deutschland nicht sicher sind. Erst eine Woche später, am 5. Januar, informierte Nestlé die deutsche Öffentlichkeit. Eine Woche, in der ahnungslose Eltern bereits gekaufte Dosen verfütterten. Der Konzern hoffte vermutlich, einem öffentlichen Rückruf und dem Rufschaden doch noch zu entgehen. Auf Kosten der Kinder.
Wir stellten den deutschen Behörden Fragen: Wann wussten sie von den Gefahren? Warum handelten sie nicht? Bis heute: keine Antwort. Die Behörden schweigen.
Fehler passieren, auch bei Babynahrung. Entscheidend ist, was ein Konzern tut, um sie zu verhindern – und wie er damit umgeht, wenn doch mal einer passiert. Die Öffentlichkeit muss sofort gewarnt werden. Lieber ein Produkt zu viel zurückrufen und einen Zacken in der Gewinnkurve riskieren. Das ist hier nicht passiert.
Deswegen braucht es uns. Im Austausch mit unseren Kolleg:innen in Frankreich, Österreich, Brüssel und den Niederlanden verfolgen wir die Spur ins letzte Jahr. Wir wollen den Konzern zur Verantwortung ziehen. Denn das schreibt uns auch der Zwillings-Vater:
„Es muss einen großen medialen Aufschrei geben. Letztlich sind die Betroffenen unschuldige, wehrlose Babys, die nicht fähig sind, ihre eigenen Rechte einzufordern.“ [1]
So ist es.
Quellen [1] Zuschrift auf Wunsch anonymisiert und paraphrasiert
[2] Tagesschau: „Nestlé startet Rückruf von Beba-Babynahrung – womöglich kontaminiert“, 05.01.2026
[3] foodwatch: „Rückruf von verunreinigter Nestlé-Babynahrung wirft viele Fragen auf“, 09.01.2026
[4] SRF: „Nestlé-Chef entschuldigt sich nach Rückruf von Babynahrung“, 14.01.2026
[5] Spiegel: „Nestlé ruft Säuglingsnahrung in weiteren Ländern zurück“, 08.01.2026
Quelle: Newsletter Footwatch, 01.2026 foodwatch e.V.
800 Produkte, mehr als zehn Nestlé-Werke, 60 Länder betroffen, darunter Deutschland:
Es ist der größte Rückruf in der Geschichte des Konzerns.
Babynahrung, mit Gift belastet. Und Nestlé wusste seit Anfang Dezember Bescheid.
am Montag ruft Nestlé ein paar Chargen Babynahrung in Deutschland zurück. Der Grund: Sie kann Cereulid enthalten. Der Konzern spielt die Sache herunter: reine Vorsichtsmaßnahme, niemand sei erkrankt.
Cereulid kann binnen 30 Minuten zu Erbrechen und Durchfall führen – bei Säuglingen, den verletzlichsten Menschen überhaupt [1]. Ich bin sofort alarmiert, spreche mit meiner französischen Kollegin, die sich gut mit Nestlé auskennt. Sie bestätigt: Schon im Dezember gab es einen ähnlichen Rückruf in anderen europäischen Ländern. Wir recherchieren weiter. Schnell ist klar: Der Konzern wusste mindestens seit vier Wochen von dem Gift im Milchpulver.
Wir haken nach, bei Behörden in den Niederlanden, Österreich und Frankreich. Durchforsten EU-Meldeportale, vergleichen Zeitstempel, analysieren Rückrufe in verschiedenen Ländern.
Gestern um 16 Uhr bekomme ich dann die Bestätigung: Auch die Produktion in Deutschland ist betroffen. Heute Mittag das nächste Update: Die Babynahrung wurde in über 30 Länder exportiert [2]. Und unsere Nachforschungen zeigen: Zwischen der ersten auffälligen Probe aus einem deutschen Werk und dem Rückruf in Deutschland sind ganze drei Wochen vergangen.
Erst unsere Recherche brachte das Ausmaß des Skandals ans Licht. Selbst Zeitungen in Vietnam berichten nun über unsere Erkenntnisse – denn auch dorthin exportierte Nestlé möglicherweise giftiges Milchpulver [3]. Auf Behörden und Konzerne ist offenbar kein Verlass, wenn es um unsere Gesundheit geht. Deswegen bitte ich Sie heute: Helfen Sie mit bei unseren Recherchen.
Über Wochen fütterten Eltern auf der ganzen Welt ahnungslos ihre Babys mit möglicherweise kontaminierter Nahrung – auch aus deutschen Nestlé-Fabriken. Ob die Produkte auch in deutschen Supermärkten standen, ist noch nicht abschließend belegt. Und während Nestlé in Frankreich längst Produkte zurückrief, während Behörden in den Niederlanden, Italien und Österreich von der Kontamination wussten, passierte in Deutschland: nichts.
Warum reagiert Nestlé so zögerlich? Die internationale Rückruf-Webseite des Konzerns lässt tief blicken. Eine der wenigen Fragen, die dort beantwortet werden: die nach den finanziellen Folgen für Nestlé. Man hoffe, dass der Gewinneinbruch gering bleibe [4]. Aha, na dann ist ja alles gut. Zumindest Nestlé will von der Intransparenz profitieren.
Unsere Recherchen zeigen, wie der Konzern scheibchenweise vorging:
09. Dezember: Nestlé informiert die niederländischen Behörden. Eigenkontrollen in einem Werk haben Verunreinigungen mit dem Cereulid festgestellt. Die Behörde bestätigt uns das schriftlich. Weder Nestlé noch die Niederländer veröffentlichen einen Rückruf.
12. Dezember: Die italienischen Behörden stellen eine erste Meldung ins EU-Warnportal ein. In Frankreich gibt es Rückrufe. In Deutschland, wo auch produziert und verkauft wird: kein Rückruf.
16. Dezember: Eine auffällige Probe aus einem deutschen Nestlé-Werk wird gefunden, aber nicht öffentlich gemacht.
An Weihnachten: Die österreichische Agentur für Ernährungssicherheit weiß von der Kontamination. Es gibt nur einen „stillen Rückruf”: Betroffene Produkte werden aus den Regalen geräumt, ohne Eltern zu informieren, die das Produkt bereits gekauft haben könnten.
05. Januar: Erst jetzt, vier Wochen später, startet Nestlé in Deutschland einen öffentlichen Rückruf.
08. Januar: Die Bestätigung ist da, dass auch in Produkten aus deutschen Werken das Gift festgestellt worden ist.
09. Januar: Das Ausmaß des weltweiten Verkaufs aus deutscher Nestlé-Produktion kommt schlagartig zum Vorschein.
Wir bleiben dran. Stand heute Mittag ist der skandalöse Befund: Seit der ersten Meldung und dem umfassenden Rückruf vergehen insgesamt 4 Wochen!
Angeblich ist der Auslöser für all das ein verunreinigter Rohstoff. Wieso können weder Nestlé noch die Lebensmittelbehörden laut eigenem Bekunden zurückverfolgen, woher dieser Rohstoff kam? Die Rückverfolgbarkeit, die das EU-Recht eindeutig vorschreibt, funktioniert nicht. Wieder einmal nicht. Wie sollen Eltern und die Verbraucher in Deutschland Vertrauen in Lebensmittel haben, wenn die Lieferkette transparent ist?
Wir fordern: ein Unternehmensstrafrecht, das wirklich wehtut. Geldstrafen, die sich am Umsatz orientieren. Und klare Veröffentlichungspflichten: Wenn Produkte gefährlich sind, müssen Unternehmen und Behörden sofort informieren. Ohne Lücken. Und nicht einen Monat später.
Ihre foodwatch-Mitgliedschaft stärkt uns dabei den Rücken und hilft, nachhaltige Veränderungen im Lebensmittelrecht anzustoßen und Transparenz zu schaffen, wo Wirtschaft und Behörden versagen. Bitte unterstützen Sie uns bei dieser wichtigen Arbeit!
PS: Erst letztes Jahr wurde Nestlé zu einer Strafe wegen Betrugs mit Wasser verdonnert. Zwei Millionen Euro Strafzahlung – das klingt nach viel. Aber bei 11 Milliarden Jahresgewinn erwirtschaftet der Konzern diese Summe in 99 Minuten [5]. Solange Strafen so lächerlich niedrig sind, ändert sich nichts. Wir setzen uns ein für Geldstrafen, die sich am Umsatz orientieren und wirklich wehtun. Unterstützen Sie unsere Arbeit als foodwatch-Mitglied.
Quellen:
[1] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): „Entscheidungsbaum zur Bewertung von Bacillus cereus in Lebensmitteln” (abgerufen am 09.01.2026)
[2] Europäische Kommission: RASFF-Meldung Nr. 814523 zu kontaminierter Säuglingsnahrung (abgerufen am 09.01.2026)
[3] VNEXPRESS: „Nguồn cơn đợt thu hồi sữa lớn nhất lịch sử Nestlé tại hơn 60 quốc gia” (abgerufen am 09.01.2026)
[4] Nestlé: „Infant formula product advisory”, Ask Nestlé (abgerufen am 09.01.2026)
[5] foodwatch Deutschland: „99 Minuten: Lächerliche Strafe im Nestlé-Skandal“ (abgerufen am 09.01.2026).
Quelle. Newsletter footwatch, 01.2026, footwatch e.V.